von Sabine Ebert
Deutschland zur Zeit von Kaiser Barbarossa: Weil sein Sohn tot geboren wurde, will Burgherr Wulfhart der jungen Hebamme Marthe Hände und Füße abschlagen lassen. Nur mit knapper Not gelingt ihr die Flucht aus dem Dorf. Um zu überleben, schließt sich das Mädchen einer Gruppe Siedler an, die ostwärts ziehen, um sich in dem noch unersc...

Leseprobe: 1167 in Franken Mach schon, prügle sie, bis sie Gehorsam gelernt hat«, forderte Ludolf wutschnaubend seinen älteren Begleiter auf. Oswald, der Anführer der schwer bewaffneten Knechte von der Burg, hatte bereits die rechte Faust geballt. Doch noch musterte er eher mit Staunen und grimmiger Belustigung das zierliche Mädchen mit dem kastanienbraunen Zopf, das vor ihm stand. Noch nie hatte es jemand gewagt, sich ihnen zu widersetzen – und schon gar kein Weibsbild. Die hier war ja außerdem noch fast ein Kind und reichte ihm nicht einmal bis an die Schulter. Er hätte ihr mit einem einzigen Hieb seiner mächtigen Faust das Kinn zerschmettern oder die Nase zertrümmern können. Nur würde er damit seinem Herrn schlecht dienen. Der brauchte das aufsässige Weibsstück unversehrt – vorerst. Marthe, um die sich der ganze Ärger drehte, war so verzweifelt, dass sie vollkommen vergaß, wie gefährlich es war, sich mit den zwei im ganzen Dorf gefürchteten Raufbolden anzulegen. »Seht ihr nicht, dass sie stirbt? Ich kann jetzt nicht weg«, rief sie außer sich und wandte sich ab, um in der Kate wieder nach der todkranken Serafine zu sehen, ihrer Ziehmutter und weisen Frau des Dorfes. Nun flammte auch in Oswald Zorn auf. Wenn dieses dreiste Ding meinem Herrn erst einmal gedient hat, werde ich ihr schon Gehorsam beibringen, dachte er wütend. Einen köstlichen Moment lang stellte er sich vor, wie sie wimmernd vor ihm auf dem Boden lag und um Gnade bettelte. Er packte Marthe grob am Arm, zerrte sie aus der winzigen Hütte am Waldrand und brüllte: »Du kommst jetzt mit, du kleine Hexe, oder du kriegst die Peitsche zu spüren! Wenn die Alte nicht kann, musst du eben dem Erben des Burgherrn auf die Welt helfen.« Oswald, dessen linke Gesichtshälfte von einer schlecht verheilten Narbe entstellt war, saß auf, zerrte das Mädchen unsanft vor sich aufs Pferd und ritt scharf an. »Mutter Fine!«, schrie Marthe Hilfe suchend und wollte sich noch einmal umdrehen. Doch Oswald hielt sie fest umklammert und trieb sein Pferd Richtung Burg. Sie ritten rasch durch den kalten, regnerischen Märzmorgen. Ludolf, stämmig und mit strähnigem hellen Haar, hatte noch Marthes Korb mit Salben und Tinkturen geholt und folgte nun dicht hinter ihnen. Marthe fror. Ihr Körper schmerzte von den Kanten des hölzernen Sattels und vom groben Griff des dunkelhaarigen Reiters, der nach Bier, Zwiebeln und Schweiß roch. Bald ließ Oswald seine rechte Hand über ihren filzigen Umhang wandern. Das Mädchen erstarrte vor Schreck. In ihrer Angst zog sie das Pferd so heftig an der Mähne, dass es scheute und Oswald beide Hände brauchte, um es wieder unter Kontrolle zu bringen. Hastig drehte sie sich zu ihm um. »Können wir nicht wenigstens im Dorf Bescheid sagen, damit Pater Johannes zu meiner Mutter geht? Ihr wollt doch nicht, dass sie ohne Absolution stirbt und im Höllenfeuer brennen muss?« Ludolf schloss zu ihnen auf. »Was will die Kleine? Zärtlicher umfasst werden?«, rief er anzüglich grinsend herüber. Die Bewegung des anderen war ihm nicht entgangen. »Nein, ’nen Priester für die alte Hexe. Als wenn die nicht sowieso schnurstracks in die Hölle fährt.« Oswald lachte boshaft. Schlagartig wurde das Gesicht seines jüngeren Begleiters ernst. »Damit ist nicht zu spaßen. Mit dem Höllenfeuer nicht und auch nicht mit der Alten. Am Ende legt sie noch einen Fluch über dich.« »Sie ist keine Hexe. Sie ist eine weise Frau, die nie jemandem etwas Böses tun würde. Bitte, lasst sie nicht allein sterben«, bat Marthe. »Wir haben keine Zeit zu verlieren«, brummte Oswald und rieb mit dem Handrücken über die gezackte Narbe in seinem Gesicht. »Aber meinetwegen. Im Dorf soll jemand den Priester losschicken.« Erleichtert atmete Marthe auf. Pater Johannes würde Serafine beistehen. Und Oswald hatte aufgehört, nach ihrer Brust zu tasten. Seine Rechte hielt sie nun wieder mit hartem Griff umklammert. Ein paar Hühner stoben laut gackernd beiseite, als die zwei Reiter durch das Dorf unterhalb der Burg preschten. Während sie an einem alten Mann vorbeiritten, der versuchte, ein mageres Schwein vom Weg zu treiben, brüllte Ludolf: »Du da! Lauf zum Priester und schick ihn zu der alten Wehmutter. Die liegt im Sterben.« Der Alte blickte ängstlich auf. Aber als Marthe ihm nachschaute, sah sie erleichtert, dass er in Richtung der hölzernen Kirche humpelte. In scharfem Galopp ritten die Männer durch das Burgtor und grüßten mit lässiger Handbewegung die Wache. Oswald stieß Marthe vom Pferd und saß ab. Er warf die Zügel einem Stallburschen zu und schickte Ludolf auf die Suche nach dem Verwalter. Mit einem Blick erfasste das Mädchen das übliche Durcheinander auf dem schlammigen Burghof. Schweine suhlten sich in einer Lache, gleich neben den Ställen lag ein riesiger Misthaufen, aus der Küche drang lautes Geschrei, neben dem verwitterten Brunnen lagen herausgebrochene Steine. Am Schandpfahl hing ein Mann bewusstlos in Stricken. Sein Rücken war von Peitschenhieben zerfetzt und blutverkrustet. Marthe wusste, wer der Unglückliche war. Im Dorf hatte sich am Vortag in Windeseile herumgesprochen, dass der Burgherr einen der armen Bauern für ein Strafgericht auf die Burg schaffen ließ. Oswalds Werk, erkannte sie beklommen angesichts des blutig geschlagenen Rückens. Jeder im Ort wusste, dass der Narbengesichtige ein krankes Vergnügen dabei empfand, die Peitsche zu schwingen. Seine Grausamkeit wurde nur von der des Burgherrn übertroffen. Als ob die Bauern ihre Schulden schneller zahlen könnten, wenn er sie zu Tode prügelt, dachte sie bitter. Sie unterdrückte den Impuls, zu dem Unglücklichen zu laufen und ihm zu helfen. So etwas wurde auf der Burg nicht geduldet. Wenn die Dunkelheit hereinbrach, würde sie versuchen, ihm wenigstens etwas Wasser zu bringen. Ein Schmerzensschrei gellte aus den oberen Fensterluken des Bergfrieds. »Hörst du, die Herrin braucht deine Hilfe«, knurrte Oswald. Marthe schwieg. Sie war nicht nur deshalb besorgt, weil dies ihre erste Entbindung ohne Serafines Hilfe sein würde. Ihre Lehrmeisterin hatte angesichts der fortschreitenden Krankheit darauf bestanden, dass Marthe auch allein Kranke behandelte und Kinder auf die Welt holte. Aber bisher war Fine immer dabei gewesen und hatte darauf geachtet, dass ihre junge Nachfolgerin alles richtig machte. Doch Irmhild, die junge Frau des Burgherrn, hatte noch nie ein gesundes Kind geboren. Bei einer Fehlgeburt und einer Totgeburt waren Serafine und Marthe schon an ihrer Seite gewesen. Jetzt kam sie vor der Zeit nieder, drei Monate zu früh nach Marthes Rechnung. Wieder gellte ein Schrei über den Burghof. Der Verwalter näherte sich Marthe und Oswald. Er war ein übellauniger Mann, dessen Augen in dem aufgedunsenen Gesicht fast verschwanden. Sein dunkelbraunes Übergewand war aus feinem Stoff, aber verschlissen und verschmutzt. »Was bringt ihr da? Wo ist die alte Wehmutter?«, fragte er den Reisigen unwirsch. »Die liegt im Sterben – nichts zu machen.« Bedauernd hob Oswald die Arme. »Da haben wir die junge mitgebracht.« Der Verwalter musterte die zierliche Marthe. »Du hast doch selbst noch kein Kind geboren – wie willst du da eines auf die Welt holen?«, fragte er abfällig. »Ich werde mich bemühen, Herr«, antwortete sie so ruhig sie konnte. »Aber es ist noch viel zu früh für die Geburt eines gesunden Kindes. Vielleicht wäre es besser, eine erfahrene Hebamme von weiter her zu holen.« »Hat dir niemand Benehmen beigebracht?«, fauchte der Verwalter. »Auf die Knie! Die Frau hat zu schweigen und den Blick zu senken.« Wie soll ich erkennen, was den Menschen fehlt, wenn ich sie nicht einmal anschauen darf?, dachte Marthe grimmig, während sie gehorchte. Dabei könnte ich schwören, dass deine Galle bald überläuft. Du solltest weniger üppig essen! Doch sie schwieg wohlweislich. Widerworte wurden nicht geduldet. Für ihren Rat hätte sie statt Dank nur Prügel bekommen. Kalt betrachtete der Verwalter das kniende Mädchen, bis er ihr schließlich mit einem Wink bedeutete, aufzustehen und ihm zu folgen. Die Halle war düster, eiskalt und rußgeschwärzt. In einer Ecke rauften ein paar Hunde. Burgherr Wulfhart saß allein am Tisch, vor sich Becher und Krug. Den Kopf auf einem Arm gestützt, blickte er nur kurz auf und starrte dann wieder ins Leere. »Mein Herr, dieses junge Ding hier wird Eurer Gemahlin beistehen «, sagte der Verwalter ehrerbietig. Schnell schob er Marthe nach vorn, die pflichtgemäß vor dem Ritter auf die Knie sank. Wulfhart starrte sie aus glasigen Augen an. Er ist schon am frühen Morgen betrunken, erkannte Marthe sofort und blickte schaudernd zu Boden. Ihr war, als könnte sie das Böse, das von Wulfhart ausging, um ihn wabern sehen. »Du willst dich aufs Kinderholen verstehen? Wie alt bist du?«, raunzte Wulfhart. »Beinahe vierzehn, Herr«, sagte Marthe und hielt den Blick starr nach unten auf die verdreckten Binsen gerichtet, die den Boden der Halle bedeckten. Genau wusste sie ihr Alter nicht; sie war eine Waise. Vor zehn Jahren hatte ein Haufen Gesetzloser Marthes Eltern totgeschlagen und die Schafe geraubt, die sie für den Burgherrn hüteten. Serafi ne, die bei der Schäfersfrau frische Kräuter hatte eintauschen wollen, entdeckte die Bluttat und fand die völlig verstörte Marthe in einem Gebüsch versteckt. Sie nahm sie bei sich auf und brachte ihr mit der Zeit alles bei, was sie selbst als Heilkundige wusste. »Verzeiht, mein Herr, in der Kürze der Zeit konnten wir keine andere Wehmutter auftreiben«, beeilte sich der Verwalter hinzuzufügen und breitete bedauernd die Arme aus. Aus den Räumen über ihnen hallte erneut ein Schrei. Wulfhart blickte träge auf. »Mach, dass das Gejammer ein Ende hat, und verhilf mir endlich zu einem Sohn«, sagte er mit befehlsgewohnter Stimme. Dann plötzlich beugte er sich vor und brüllte: »Und sieh zu, dass es diesmal einer wird und nicht wieder so eine tote Missgeburt! Sonst lasse ich dir Hände und Füße abschlagen!« Der Verwalter zerrte Marthe hoch und schob sie hinaus. »Du hast gehört, was der Herr gesagt hat. Er pfl egt seine Versprechen zu halten.« »Ja, Herr«, antwortete Marthe kreidebleich. Daran hatte sie keinen Zweifel.
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